Wu de Walder hamlich rauschen – Eine Wanderung über den Kamm des Erzgebirges (Bericht aus dem Jahre 1984)

Tag 1 – Westerzgebirge bei Sosa

„Sie haben nichts. Das ist keine Lebensmittelvergiftung, sondern eine Vergiftung über die Luft“, klärt uns der Herbergsvater auf, als wir ihm von unserer Übelkeit berichten. „Alle sechs Wochen  haben wir hier die gleichen Symptome: Zuerst Kopfschmerzen, dann Durchfall und Erbrechen, manchmal kommt noch Fieber hinzu. Dann rauchen mal wieder die böhmischen Kraftwerke, blasen nachts ihre Staubfilter durch. Dann riecht es tagelang nach Katzendreck.“

Unsere erste Begegnung mit dem Erzgebirge ist ein körperlicher k.o.-Schlag. Wir wollten uns vom Großstadtstress erholen – einfach mal ein Stück Natur erobern. Mit Zelt, Rucksack und Fahrrad machten wir uns im Sommer 1984 von Klingenthal im Vogtland aus auf den Weg ins Gebirge, genossen das Grün der Wälder, rochen die feuchte Walderde. Nichts fiel uns auf: Keine braunen Nadeln an den Bäumen, keine kahlen Kronen oder dürren Ästen, kein Geruch von Katzendreck. Für uns Großstädter schien die Welt hier noch in Ordnung.

Am nächsten Morgen sitzen wir appetitlos am weißen Plastiktisch der Jugendherberge „Hans Beimler“ in Sosa. Wir fühlen uns müde und zerschlagen. Der Magen versagt seinen Dienst. Lustlos starren auf das Frühstücksei und die daneben liegende Scheibe Wurst.

 

Tag 2 – Johanngeorgenstadt

Am Auersberg ist der Aussichtsturm geschlossen, aber unsere Interessen sind heute sowieso nicht auf Naturerleben ausgerichtet. Unsere Mägen halten durch bis Johanngeorgenstadt, dann verlangen sie ihr Recht. Die Kohletabletten gehen zur Neige. „Haben Sie ein Rezept?“ Die Apothekerin schaut uns prüfend in die Augen. Wieso sollten wir? Kohletabletten waren bisher immer frei verkäuflich. „Hier nicht. Darminfektionen sind ansteckend und deshalb meldepflichtig.“ Wir erklären unsere Lage und hoffen auf Verständnis. Zwecklos. Die Wut im Bauch beruhigt unsere Mägen auch nicht.

Bei Freunden kommen wir wieder auf die Beine. Dabei erfahren wir, dass unser Erlebnis durchaus Methode hat. Für die staatlichen Stellen sind gesundheitliche Schäden durch die schwefelsaure Luft offiziell kein Thema. Alle Schadstoffwerte hielten sich im gesetzlich zulässigen Rahmen, heißt es auf Nachfrage beim Rat der Stadt Annaberg-Buchholz. Die tatsächlichen  Messwerte sind streng geheim, sogar die Messmethodik der zuständigen Bezirks-Hygiene-Inspektion Karl-Marx-Stadt bleibt ein Staatsgeheimnis. Trotzdem werde  die heimische Bevölkerung bevorzugt mit Milchprodukten und Südfrüchten versorgt, behaupten die Behörden. Im Regal der HO-Kaufhalle liegen Butter aus Schwerin und Milch aus Neubrandenburg. Sie haben einen weiten Weg hinter sich. Im Austausch dafür, trinken die Mecklenburger erzgebirgische Milch, denn sie haben sauberere Luft als hier. Auf diese Weise lassen sich die Schadstoffe gleichmäßig in der Republik verteilen.

 

Tag 3 – Oberwiesenthal

Ein strahlend weißes Schild mit blauer Schrift grüßt am Ortseingang des Luftkurortes Oberwiesenthal. „Unserer Heimat – meine Tat“. Spärlich bewaldet erhebt sich dahinter der Fichtelberg, zerschnitten  von Abfahrtsschneisen und Liftanlagen. Der Gipfel hüllt sich in Wolken. Vor mehr als dreißig Jahren erholte mich hier in den Wälder von chronischer Bronchitis. Jetzt tränen uns die Augen, die Nase läuft ständig und ein rauchiger Schmerz breitet sich im Rachen aus. Das kommt vom Böhmischen Wind, sagen die Einheimischen; Inversionswetterlage nennen es die Meteorologen.

Auf dem menschenleeren Bahnhof geben wir unsere Rucksäcke ab. Der Bahnbeamte hat Zeit. Der nächste Zug nach Cranzahl kommt erst in einer Stunde. „Drei Jahre habe ich noch bis zur Rente, doch erleben werde ich sie sicher nicht mehr.“ Müde lächelt der Mann mit der roten Mütze. „Die Luft macht uns kaputt, so ungesund war es hier noch nie.“ Er erzählt uns von seinem Nachbarn, der äußerlich kerngesund, vor drei Wochen plötzlich an Kreislaufversagen gestorben ist. Dabei joggte er jeden Tag, fuhr im Winter Ski, rauchte nicht und trank kaum Alkohol. „Vielleicht war er zu viel an der Luft“, sinniert der Reichsbahner. „Hier fallen ja schon die Kühe tot auf der Weide um.“ Und weshalb ziehen Sie nicht weg von hier?, wollen wir wissen. „Wohin? Ich bin hier geboren, das ist meine Heimat. Ich kann sie nicht verlassen.“

 

Tag 4 – Fichtelberg

Auf dem Fichtelberg gibt es strahlenden Sonnenschein, rötlich-braun liegt unter uns ein Nebelschleier. Hinter dem Hotel stehen Fragmente eines Fichtenwaldes. An manchen Bäumen wachsen noch zarte, grasgrüne Maitriebe, sonst sind die Zweige voller brauner Nadeln. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, wann auch die jungen Triebe von der allgegenwärtigen Schwefelsäure zerfressen sind. Eine Gedenktafel erinnert an den königlichen Oberförster Starke, der „1861 die Bewaldung des Fichtelberges vollendete“. Unterhalb des Berges verweisen seine Ururenkel stolz auf die Wiederaufforstung. Eine Pressspannplatte empfiehlt eine Fläche von 0,25 Hektar mit rauchresistenten Blaufichten, Bergahorn und einigen Ebereschen „dem Schutz der Bevölkerung“.

Nebenan zerschneidet ein schnurgerader Lifthang den Wald. „Zwoa Bretteln, a geführiger Schnee, juchhe…“ Der Sommer macht die Wunden sichtbar. Betonharte, steinige Buckelpisten zwängen sich selbst zwischen den kleinsten Bäumen hindurch. Ausgespülte Wurzel liegen quer zum Hang, ein letzter Versuch, den Boden zu halten. Schwarzgelbe Stangen markieren die Piste. Nebenan im strengen Naturreservat liegen abgeknickte Bäumchen. „Die Skifahrer rasen rücksichtslos durch, wenn hier ein bisschen mehr Schnee als auf der Piste liegt. Wollen sich ihre teuren Westski nicht kaputt machen“, sagt ein Oberwiesenthaler. „Waldsterben ist für sie ein Fremdwort. Die Bäume sind ja im Winter so romantisch verschneit.“

 

Tag 5 – Seiffen

„Heimisches Holz verwenden wir schon lange nicht mehr.“ Wir schauen dem Altgesellen beim Spanbaumdrehen zu. In der Drechslerwerkstatt Ender in Borstendorf entstehen Bergmann und Engel, Räuchermann und Nussknacker noch traditionell von Hand. Unmerklich hebt der Siebzigjährige die Schulter, sanft gleitet der Stahl übers Holz. Der Span legt sich gekräuselt um den Kern. So entsteht Lage um Lage des Bäumchens.

Neben dem Bergbau waren Spielzeugmachen und Klöppeln lange Zeit die einzige Erwerbsquellen der armen Erzgebirgler. Heute ist die Volkskunst ein Exportschlager der DDR. „Wenn Neckermann oder Wallmart es wünschen, drechseln die Betriebe hier selbst die Mickey Maus als Nussknacker. Damit wird die ganze erzgebirgische Tradition für ein paar Westgroschen verscherbelt“, klagt der alte Drechsler verbittert.

Im Seiffener Spielzeugmuseum stehen Klimperkästen neben Schaukelreitern und Füchtnerschen Nussknackern. Grimmig schaut der Gendarm, der Förster schwingt den Knüppel. In der nächsten Vitrine lacht ein blauer Musketier mit gelbem Hut. Seine Teile sind aus Pressspan und Plastik. Pressen ist billiger als Drechseln. VEB VERO (Vereinigte Erzgebirgische Spielwaren Olbernhau) befriedigt so den Inlandsbedarf. Die Zukunft hat begonnen.

 

Tag 6 – Cämmerswalde

Das ist Krieg! Krieg gegen die Natur! Nur vergleichbar mit zerbombten Städten im Zweiten Weltkrieg! Soweit wir blicken können, schwarzer, toter Wald. Kilometerweit ragen nadellose Fichtenskelette in den blauen Himmel. Deutsch, in Reih und Glied, steht mit abgeknickten Kronen ein Gespensterwald kurz hinter Seiffen. Morsches, fauliges Holz zerbricht unter unseren Füßen. Kniehohes, hartes gelbes Gras schneidet uns die Füße. Die Erde riecht faulig, verwest. Die Sonne brennt, obwohl es noch früh am Morgen ist. Kaum Schatten. Fühlbar die Stille. Kein Vogel singt. Kein Schmetterling, kein Käfer, keine Ameise zu sehen – nichts. Wortlos stolpern wir voran. Das Klicken der Kamera schießt in die Stille. Bilder vom Waldsterben hatten wir schon gesehen. Doch nirgends packte uns die Wirklichkeit so direkt und brutal wie zwischen Deutsch-Einsiedel und Cämmerswalde. Einsam markiert ein Grenzpfahl die Hoheitsrechte.

„Was fotografieren Sie hier?“ Eine Stimme reißt uns in die Wirklichkeit zurück. Wir antworten in reinstem Sächsisch. Keine Journalisten aus dem Westen, das Gesicht des Oberförsters hellt sich auf. Wir kommen ins Gespräch und interessieren uns für seine Arbeit. Anfang der fünfziger Jahre wurden hier das erste Mal die Nadeln an den Bäumen gelb. Waldsterben – als noch keiner das Wort richtig kannte. Ursache waren damals und sind es noch heute die Inversionswetterlagen, die besonders im Herbst und Winter die schadstoffreiche Luft von den Kohlekraftwerken aus dem Böhmischen Becken über den Kamm des Erzgebirges drücken. Mit Nebel und Frost bilden sie Schwefelsäure, die die Nadeln regelrecht verätzt. „Der Wald hat keine Chance.“ Der Förster zeigt auf eine Senke, wo seine Frau mit dem Motorrad wartet. „Diese Lärchen sind jetzt meine Hoffnung. Sie entwickeln sich gut. Aber die Rehe fressen die jungen Triebe ab. Kommen alle aus dem Süden, wo sie keinen Schutz und keine Nahrung mehr finden. Bei den Tschechen ist das Waldsterben ja noch viel schlimmer. Und hier können wir gar nicht so viel Rehe schießen, wie wir müssten.“

 

Tag 7 – Geising

Seiffen ließ uns hellwach werden. Ohne Illusionen betrachten wir fortan die Gegend. Immer wieder kranker und toter Wald. Nirgends ein gesunder Baum. Die dürren Bäume am Hirtstein halten höchstens noch drei Jahre durch. Am Bärenstein sonnen sich die Urlauber auf einer Bank. Tote Bäume spenden keine Schatten. Die Wetterfichten am Kahleberg liegen am Boden. Opfer von Wind und Borkenkäfer. Der stählerne Aussichtsturm auf der Kohlhaukuppe bot einst eine ausgezeichnete Sicht auf das Osterzgebirge. Heute steht er funktionslos auf dem kahlgeschlagenen Berg. Im tschechischen Teil des Erzgebirges bedeckt nur hartes Gras die einst bewaldeten Hänge. Schwarze, faulende Geisterwälder bieten eine ideale Kulisse für surreales Theater oder futuristische Filme.

Gelb-brauner Rauch liegt über dem Böhmischen Becken. An einer Straße Warnschilder „Bei rotem Ampellicht bitte Motor abstellen und die Fenster schließen“. Endlos das Gewirr der Rohrleitungen. Ohrenbetäubend pfeift Gas aus einem dünnen, hohen Rohr. Nur die Schwäne im See ziehen gelassen ihre Bahnen im See, aus dem einsam ein abgestorbener Baum herausragt.

 

Tag 8 – Litvinov

150.000 Hektar Wald sind im Erzgebirge völlig abgestorben. Doch was bedeutet schon diese Zahl, wenn eine Region stirbt? Wenn mit ihr die Menschen ihre Heimat und eine lebenswerte Umwelt verlieren? Auf Friedenswerkstätten und Kirchentagen in der DDR sprechen die Erzgebirgler von ihrer Angst. Von der Angst, dass ihre Kinder mit Krankheiten oder körperlichen Schäden geboren werden, von Depression und Resignation  der Menschen, vor ihrer Trauer um ihre Heimat, von ihrer Ratlosigkeit und Ohnmacht gegenüber dieser Umweltkatastrophe.

Der ökologische Geheimbericht der Prager Akademie der Wissenschaften aus dem Jahr 1984 beschreibt die gesundheitlichen Schäden für die Bevölkerung im nordböhmischen Braunkohlerevier in düsteren Farben: So sei die Säuglingssterblichkeit hier 12 Prozent höher als im Landesdurchschnitt. Der Anteil der Säuglinge, die noch in der Geburtsklinik krank werden, sei dreimal höher als im restlichen Böhmen und Mähren. Über 60 Prozent aller Kinder und Jugendlichen, die zwischen Chomutov und Usti nad Labem leben, sind krank; haben Infektionen der Atemwege, Erkrankungen des Verdauungstraktes, Hautkrankheiten, Erkrankungen des Muskel- und Knochengerüstes. Geisteskrankheiten treten hier doppelt so häufig auf, wie anderswo im Land. 2,2 mal häufiger erkranken die Bewohner hier an virolenten Leberentzündungen und 3,6 mal öfter an infektiösen und parasitären Erkrankungen. Statistisch gesehen sterben die Bewohner des nordböhmischen  Industriereviers drei bis vier Jahre früher als der Landesdurchschnitt.

 

Tag 15 – Bad Klosterlausitz

Noch einmal wurden wir auf unserer Reise vergiftet – diesmal nicht durch die Luft, sondern durch Lindan oder DDT. Zur Schädlingsbekämpfung der Nonne und des Borkenkäfers  wurden in der DDR diese Gifte über den geschädigten Wäldern versprüht. Nichtsahnend hatten wir dort Maronen und Steinpilze gesammelt und gegessen. Wieder liegen wir mit Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Sehstörungen in einem Jugendherbergsbett im Holzland bei Bad Klosterlausitz. Die Warnschilder, so erfuhren wir hinterher, seien zwei Monate nach der Begiftung wieder abmontiert worden. Man wollte die Bevölkerung nicht weiter beunruhigen.

 

(aufgezeichnet 1984)

 

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